Die Energiewende stärkt die Wirtschaft und ist eine Frage der nationalen Sicherheit
23.09.2026
Bild: ExtremWetterKongress
Die Energiewende wird inzwischen ohne Ideologie diskutiert, sie stärkt die Wirtschaft und bildet sich immer mehr als Frage der nationalen Sicherheit heraus.
So lässt sich die Session „Extremwetter, Energieversorgung und nationale Sicherheit“ am ersten Tag des ExtremWetterKongresses zusammenfassen.
Jan-Bernd Gillrath (QUADRA energy) zeigt, was Extremwetterereignisse im Strommarkt auslösen: Am 13. Juni mussten 355 Gigawattstunden erneuerbarer Strom abgeregelt werden – ein Drittel des Tagesverbrauchs. Die gesamte deutsche Speicherkapazität liegt jedoch bei lediglich zwölf Gigawattstunden.
Regina Paas (Bundesumweltministerium) erinnert uns an einen unterschätzten Standortfaktor: Rund 44 % der Wasserentnahmen entfielen zuletzt auf die Energieversorgung. Mit dem Abschalten fossiler Kraftwerke sinkt dieser Verbrauch und mit neuen Rechenzentren entsteht neuer Kühlbedarf. Wasser muss dabei von Anfang an mitgeplant werden.
Marc Wallraff (LichtBlick SE) betont, wie weit die Technologie bereits ist: Kalifornien und Australien zeigen, wie Batteriespeicher das Solarmaximum der Mittagszeit in die Abendstunden verschieben kann. Beim Ausbau von Großspeichern in Deutschland beschreibt er hingegen einen „perfekten Sturm“: Genehmigungen, die in überlasteten Ämtern hängen, Netzbetreiber mit langen Planungsprozessen und Akteur:innen ohne echte Bauabsicht, die trotzdem Netzkapazität reservieren verlangsamen hierzulande allesamt den Ausbau. Da müsse man mit Digitalisierung und Standardisierung ran, so Wallraffs Lösungsvorschlag. In Deutschland gibt es 800 Netzbetreiber und entsprechend viele Formularvarianten, was dies jedoch verkompliziert.
Prof. Dr. Andreas Löschel (Ruhr-Universität Bochum) benennt die offenen Baustellen: Beim Ausbau der Erneuerbaren sei viel bereits geschafft, bei ihrer Integration in den Markt hake es jedoch noch. Als größte Engpässe nennt er dabei insbesondere die Verteilnetze, sowie fehlende lokale und dynamische Preise; ohne sie ließe sich die Flexibilität kaum verbessern.
Arnaud Boehmann (Sicherheitsexpert) zieht Lehren aus der Ukraine: Je zentralisierter ein Energiesystem, desto angreifbarer ist es auch. Ein einzelnes Kraftwerk kann eine ganze Region lahmlegen, ein diversifiziertes lokales System jedoch nicht. Seine Lösungsformel: Unangreifbar werden wir zwar nicht, aber wir können uns so unattraktiv aufstellen, dass ein Angriff sich nicht lohnt.
Dass das nicht nur Theorie ist, macht Klaus Meier (Stadt.Energie.Speicher) deutlich: Sein Windkraft-Serviceunternehmen betreut knapp 10.000 Anlagen und wurde vor vier Jahren bereits aus dem russischen St. Petersburg aus angegriffen.
Kira Vinke (DGAP) ergänzt die andere Seite der Rechnung: Resilienz allein genüge nicht, weil sich eben nicht jedes Kabel schützen ließe. Derzeit lägen die Kosten solcher Angriffe bzw. Verteidigungsmaßnahmen allein bei uns. Es brauche auch eine Abschreckung im hybriden Bereich, die wahrscheinlich anders funktionieren müsse als eine traditionelle Abschreckung.
Stefan Bayer (German Institute for Defence and Strategic Studies) bringt eine weitere Verteidigungsperspektive ein: Die Streitkräfte in Europa und der NATO sind von fossilen Brennstoffen abhängig, was das Erpressungspotenzial deutlich erhöht. “Wir sollten versuchen, dezentrale Systeme stärker zu nutzen. Das reduziert unsere Vulnerabilität dramatisch.” Seine Lehre aus Irak und Afghanistan: Die eigentlichen Ziele waren nicht die gepanzerten Fahrzeuge, sondern vielmehr die Tankwagen. Bleibt der Nachschub stehen, ergeht es der Front ebenso. Sein Vorschlag setzt deshalb am anstehenden Kasernenneubau an: Photovoltaik, Speicher, Hitzeschutz und Schutzräume hierbei gleich mitplanen, seriell und modular. Später nachzurüsten wird ungleich teurer.
Was lernen wir daraus? Die Debatte hat sich verschoben. Es geht nicht mehr darum, ob erneuerbare Energien wünschenswert sind, sondern wie schnell ein dezentrales, flexibles System entsteht, das im Krisenfall hält. Dazu einmal Arnaud Boehmann als Schlusswort: „Es ist eine Frage der nationalen Sicherheit, aber keine nationale Frage.”
